Wer heute mit Tantra in Berührung kommt, begegnet früher oder später Begriffen wie weisses Tantra, rotes Tantra und schwarzes Tantra. Doch nur wenige Menschen wissen, was damit eigentlich gemeint ist.
Ist weisses Tantra spirituell? Ist rotes Tantra sexuell? Und was ist schwarzes Tantra?
Um diese Begriffe zu verstehen, lohnt sich zuerst ein Blick zurück. Denn ursprünglich war Tantra nicht einfach in drei Farben aufgeteilt.
Tantra war ursprünglich Tantra
Tantra entwickelte sich über viele Jahrhunderte in unterschiedlichen hinduistischen und buddhistischen Traditionen Indiens. Es gab verschiedene Schulen, Lehren, Rituale und Wege – aber nicht die heute im Westen bekannte Einteilung in weisses, rotes und schwarzes Tantra. Tantra war vielmehr ein umfassender spiritueller Weg.
Körper und Geist wurden dabei nicht grundsätzlich als Gegensätze betrachtet. Meditation, Mantra, Atem, Energiearbeit, Rituale, die Arbeit mit dem Körper und – in bestimmten tantrischen Strömungen – auch Sexualität konnten Teil eines spirituellen Weges sein.
Ebenso begegnen wir im historischen Tantra Praktiken, die bewusst mit gesellschaftlichen Tabus und mit der Unterscheidung zwischen «rein» und «unrein» arbeiteten.
Das dahinterliegende Prinzip ist für das Verständnis von Tantra wesentlich: Das Leben wird nicht in einen spirituellen und einen unspirituellen Teil getrennt.
Mit der Verbreitung tantrischer Ideen im Westen entwickelte sich später das, was heute häufig als Neo-Tantra bezeichnet wird. Dabei verbanden sich Elemente östlicher Traditionen mit westlicher Körperarbeit, Psychologie, Sexualtherapie und persönlicher Entwicklung.
In diesem modernen Umfeld entstand auch die heute verbreitete Einteilung in weisses, rotes und schwarzes Tantra. Sie ist keine ursprüngliche indische Dreiteilung, sondern eine Möglichkeit, verschiedene Aspekte des tantrischen Weges verständlicher voneinander zu unterscheiden.
Doch was bedeuten diese drei Farben?
Weisses Tantra – Bewusstsein und innerer Weg
Das weisse Tantra steht für jene Seite des Tantra, die wir am ehesten mit einem klassischen spirituellen Weg verbinden.
Es geht um Bewusstsein, Meditation, Präsenz und die Beobachtung des eigenen Geistes.
Der Mensch lernt, stiller zu werden und wahrzunehmen, was in ihm geschieht, ohne unmittelbar darauf reagieren zu müssen. Gedanken kommen und gehen. Gefühle entstehen und verändern sich. Körperempfindungen tauchen auf und verschwinden wieder. Anstatt alles sofort zu bewerten – angenehm oder unangenehm, richtig oder falsch, haben wollen oder wegstossen – üben wir, gegenwärtig zu bleiben.
Hier berührt Tantra auch Prinzipien, die wir aus buddhistischen Meditationswegen kennen: Achtsamkeit, Präsenz und Gleichmut.
Zum weissen Tantra werden heute beispielsweise Meditation, Atemarbeit, Mantra, Yoga, Bewusstseinsarbeit und verschiedene Formen der Energiearbeit gezählt.
Dabei geht es nicht darum, den Körper abzulehnen. Im Gegenteil: Der Körper kann selbst zum Ort der Meditation werden. Ein Atemzug kann Meditation sein. Eine Berührung kann Meditation sein. Ein Moment vollständiger Präsenz kann Meditation sein. Weisses Tantra erinnert uns daran, dass Spiritualität nicht unbedingt bedeutet, irgendwo anders hinzugelangen. Sie kann darin bestehen, vollständig dort zu sein, wo wir gerade sind.
Rotes Tantra – Körper, Sinnlichkeit und Sexualenergie
Das rote Tantra führt uns stärker in den Körper.
Hier bekommen Sinnlichkeit, Berührung, Beziehung, Lust und Sexualenergie einen bewussten Platz.
Gerade dieser Bereich hat das westliche Bild von Tantra stark geprägt. Für viele Menschen ist Tantra heute beinahe gleichbedeutend mit Sexualität. Historisch greift diese Vorstellung allerdings viel zu kurz. Sexualität war in bestimmten tantrischen Strömungen vorhanden, aber Tantra als Ganzes war nie lediglich eine Sexuallehre.
Im roten Tantra wird Sexualität nicht einfach als körperlicher Akt betrachtet. Sexualenergie kann als Lebensenergie erfahren werden – als Kraft, die uns mit Lebendigkeit, Kreativität, Empfindsamkeit und unserem Körper verbindet.
Deshalb geht es nicht nur um sexuelle Handlungen.
Es geht um die Frage:
Kann ich meinen Körper wirklich wahrnehmen?
Kann ich Berührung empfangen, ohne etwas leisten zu müssen?
Kann ich meine Lust wahrnehmen, ohne mich dafür zu schämen?
Kann ich ein Ja spüren?
Kann ich ein Nein spüren?
Kann ich einem anderen Menschen nahe sein und gleichzeitig bei mir bleiben?
Hier bekommt auch die Tantra-Massage ihren Platz.
Eine Tantra-Massage verbindet Berührung mit Bewusstsein. Der Körper wird nicht auf einzelne Bereiche reduziert. Auch Sexualität wird nicht abgespalten oder heimlich gemacht, sondern kann – innerhalb klarer Grenzen und eines achtsamen Rahmens – als Teil des ganzen Menschen wahrgenommen werden.
Dadurch kann Berührung weit mehr sein als eine Technik.
Sie wird zu einer Begegnung.
Schwarzes Tantra – dem begegnen, was wir lieber nicht anschauen
Das schwarze Tantra ist wahrscheinlich der am wenigsten verstandene dieser drei Begriffe.
In modernen Tantra-Ansätzen wird damit unter anderem die Begegnung mit unseren Schattenseiten verbunden – mit jenen Bereichen unseres Menschseins, die wir verdrängen, verstecken oder nicht wahrhaben möchten.
Das können Angst, Scham, Wut, Kontrolle, Eifersucht, Verletzlichkeit, alte Verletzungen oder wiederkehrende Beziehungsmuster sein.
Auch unsere gesellschaftlichen und persönlichen Tabus gehören hierher.
Dabei geht es nicht darum, diese Seiten auszuleben oder ihnen die Führung zu überlassen.
Es geht zunächst darum, sie sehen zu können.
Denn was wir in uns ablehnen, verschwindet dadurch nicht unbedingt.
Manchmal wirkt es gerade deshalb besonders stark aus dem Unbewussten heraus.
Ein Mensch kann beispielsweise überzeugt sein, sehr offen zu sein – und plötzlich begegnet er seiner Scham.
Ein anderer glaubt, seine Grenzen gut zu kennen – bis er in einer Begegnung merkt, wie schwer es ihm fällt, Nein zu sagen.
Jemand sehnt sich nach Nähe – und bemerkt gleichzeitig die Angst davor. Gerade in der Körperarbeit können solche Gegensätze sichtbar werden, weil der Körper häufig unmittelbarer reagiert als unser Verstand.
In historischen tantrischen Strömungen finden wir ebenfalls die bewusste Begegnung mit dem Verbotenen, dem gesellschaftlich Ausgeschlossenen und dem als «unrein» Betrachteten. Die moderne psychologische Sprache der «Schattenarbeit» stammt zwar nicht aus dem alten Tantra. Doch der Gedanke, auch dem zu begegnen, was wir normalerweise ausschliessen, besitzt eine deutliche Verwandtschaft mit dieser tantrischen Haltung.
Der Schatten ist damit nicht einfach etwas «Schlechtes».
Er zeigt uns Bereiche, die noch nicht vollständig in unser Bewusstsein aufgenommen wurden.
Und was hat das mit Tantra-Massage zu tun?
Auf den ersten Blick könnte man meinen, Tantra-Massage gehöre hauptsächlich zum roten Tantra.
Schliesslich arbeiten wir mit dem Körper, mit Berührung, Sinnlichkeit und Sexualenergie.
Doch eine achtsame Tantra-Massage berührt alle drei Ebenen. Das Weisse finden wir in der Präsenz, im Atem, im bewussten Wahrnehmen und im Gleichmut. Die gebende Person lernt, nicht ständig etwas erreichen zu wollen. Die empfangende Person darf beobachten, fühlen und annehmen.
Das Rote begegnet uns im Körper, in der Sinnlichkeit, in der Berührung und in der Sexualenergie. Der ganze Körper darf wahrgenommen werden.
Und das Schwarze kann dort sichtbar werden, wo Berührung etwas in uns auslöst: Scham, Unsicherheit, Angst, Schwierigkeiten mit Grenzen oder alte Muster. Auch diese Erfahrungen dürfen wahrgenommen werden, ohne sie zu verurteilen.
Genau deshalb ist Tantra-Massage für uns nicht einfach eine Abfolge von Massagegriffen. Sie ist eine Form der Begegnung mit uns selbst.
Weiss, Rot und Schwarz bei «Alles ist Eins»
In unserer Schule trennen wir diese Ebenen nicht voneinander.
Meditation und Bewusstsein gehören ebenso zu unserer Arbeit wie Körper, Berührung und Sexualität. Wir beschäftigen uns mit Präsenz und Gleichmut, mit Grenzen und Scham, mit Nähe und Distanz, mit Sexualenergie und mit den Mustern, die sich in Begegnungen zeigen können.
Denn ein Mensch besteht nicht nur aus seinem Bewusstsein. Er besteht nicht nur aus seinem Körper. Er besteht nicht nur aus seiner Sexualität. Und er besteht auch nicht nur aus seinen lichtvollen Seiten. Vielleicht liegt gerade darin eine der schönsten Seiten der tantrischen Philosophie: Der Mensch darf als ganzer Mensch da sein.
Mit seiner Stille und seiner Lebendigkeit. Mit seinem Licht und seinem Schatten. Mit seinem Körper, seinem Herzen und seinem Bewusstsein. Die Begriffe weisses, rotes und schwarzes Tantra können uns helfen, diese verschiedenen Ebenen zu verstehen.
Doch am Ende gehören sie wieder zusammen.
Alles ist Eins.





